Samstag, 12. Juli 2008

"Remote Infrastructure Management" – ähm, wie bitte?

Wenn ich auf Befragen erkläre, was ich beruflich mache, sehe ich oft große fragende Augen vor mir. Dabei versuche ich, es wirklich kurz und knackig auf den Punkt zu bringen: "Ich berate Firmen dabei, wie sie asiatische oder osteuropäische Dienstleistungen nutzen können. In der Softwareentwicklung, aber auch in verwandten Bereichen." Jaja, soso, ... wie man sich das denn vorzustellen habe? "Nun, ich habe ziemlich viel Erfahrung im internationalen Projektmanagement, und ich habe eine schöne Liste von handverlesenen IT-Dienstleistern aus der ganzen Welt, die jeweils..." Aha, höre ich dann. Da habe ich also viel mit Computern zu tun?
Es ist schwer, manchmal. Weitere Erklärungen sind notwendig.

In der üblicherweise folgenden Unterhaltung fallen meist die Stichworte Internet (überall), Kosten der Informationsübermittlung (null), Fachkräfte (hier wenige, dort viele.), Kosten (hier hoch, dort niedrig). "Dann sitzen Sie in Freiburg ja nicht gerade am Nabel der IT-Welt!" werde ich dann gerne informiert, und auch der Hinweis auf Email, Internet und das Telefon trifft auf Skepsis. Aber: "Peking is' für mich so weit weg wie Stuttgart", sagte mal ein Kollege zu mir, "da fahr' ich ja auch nicht hin!". Dass ich gerade in Freiburg nah an den Unternehmen dran bin, die eben nicht wie Siemens, SAP oder T-Systems bereits IT-Center in ganz Asien haben, halte ich für einen echten Vorteil. Ich will ja nicht gegen Accenture oder EDS antreten, sondern dem regionalen Mittelstand eine vernünftige Herangehensweise an die globalisierte IT-Welt vermitteln. Und das nicht nur in Asien, sondern auch mit Blick auf unsere unmittelbaren Nachbarn in Osteuropa.

Die grenzenlose Welt der Informationstechnologie

Global IT Sourcing (also zunächst einmal: "Programmierung anderswo erledigen lassen") ist für viele immer noch ein Angstthema. Man behauptet hartnäckig, das sei für einen selbst nicht relevant, man habe viel zu komplexe Anforderungen und außerdem habe man gehört, dass das nie klappe, immer Tränen gäbe und überhaupt das Ende des christlichen Abendlandes bedeute.

Angesichts dieser Ausgangslage ist es vielleicht etwas verträumt, hier jetzt noch eine neue Facette der globalen Wertschöpfungskette vorstellen zu wollen. Ich glaube aber zu wissen, dass die Leser dieses Blogs doch eine Spur schneller als der Durchschnitt verstehen, wohin die globalisierte Welt steuert. Und dass das Eingraben auf Uralt-Positionen keine Zukunft hat. Und dass Technologie grenzenlos ist, und ihre Beherrschung kein Privileg der Bewohner Westeuropas und Nordamerikas. Und dass sich der eine oder andere schon mal gefragt hat, ob man bestimmte, gut beschreibbare Aufgaben nicht wirklich besser beschaffen kann als beim lokalen Edel-Anbieter.
"Remote Infrastructure Management" (oder, ganz hip: "RIM") ist so eine Facette, und der eine oder andere wird spätestens jetzt lieber weiter zur Computerbild klicken. Dem Rest sei verraten, dass Global IT Sourcing sich eben nicht darauf beschränkt, nur "Programmierung anderswo erledigen zu lassen". Es gibt eine Reihe weiterer Tätigkeiten, für die vor Ort, hier bei uns, kaum noch bezahlbare Kapazitäten vorhanden sind und die von kompetenten Kollegen im Ausland ebenso gut erledigt werden können. Die IT-Infrastruktur eines Unternehmens ist ein gutes Beispiel: Nachdem Datei- und Emailserver, Webpräsenz und Telefonanlage, Backupsystem und Notstromversorgung stehen, fällt permanenter Wartungsaufwand an.


Hilft mir bitte mal jemand?

Das Sicherheitsmanagement, bspw. das Schließen von Sicherheitslücken durch Konfiguration der Systeme und das Einspielen von Patches, verursacht traditionell großen Aufwand. Die Nutzer- und Gruppenverwaltung generiert eine permanente Last, das Management des betrieblichen Datenbestandes selbst, die Durchführung großer Backup- oder Wiederherstellungsoperationen, alle diese Dinge summieren sich zu einer gewaltigen Aufgabenlast auf. Welche IT-Abteilung mittelständischer Unternehmen hätte sich nicht schon gewünscht, es gäbe jemanden, der wenigstens die "einfachen", klar umschriebenen Aufgaben erledigen könnte? Der Sicherheitspatches einspielt, neue Nutzer anlegt, sich um pünktliche Backups und aktuelle Softwareversionen kümmert? Der einfache Systemfehler korrigiert, Logfiles leert, Plattenplatz zuweist, Altbestände komprimiert und archiviert, die Webseite aktualisiert, neue Nebenstellen zuweist, den Printserver neu startet, und so weiter und so fort ?

Die IT-Abteilung vor Ort kann sich dann nämlich darum kümmern, welche Geschäftsprozesse des Unternehmens IT-Unterstützung benötigen, wie die IT ihre Mitwirkung optimal erbringen kann und welche technischen Hilfsmittel die Unternehmensstrategie wirklich voranbringen. Sie kann sich, und damit sind wir beim Kern jeder Outsourcing-Überlegung angelangt, endlich wieder um das kümmern, was ihre eigentliche Aufgabe ist: Das Kerngeschäft des Unternehmens unterstützen. Alles andere kann auch der Kollege weit weg erledigen, ob er nun Deepak, Dimitri oder 韩迪 heißt.

Ein Rad, welches wir nicht neu erfinden müssen

Remote Infrastructure Management (RIM) ist ein hochinteressantes Angebot, welches neben den klassischen Gebieten "Software Services" (Software-Programmierung und Wartung) und "Business Process Outsourcing" (Auslagerung gesamter Geschäftsprozesse wie bspw. Buchhaltung oder Callcenterbetrieb) seine Nachfrage in der globalisierten Welt sucht. Die Potentiale sind hoch, das Vorgehen für Deutschland und Westeuropa noch recht neu – in den USA ist RIM seit Jahren ein etabliertes Vorgehen. Wir haben hier den Vorteil des "Second Movers" – müssen also nicht alles neu erfinden, sondern können auf bereits gewonnenen Erkenntnissen aufsetzen.

Einige dieser Erkenntnisse fasse ich für Sie demnächst in diesem Blog zusammen und stelle Ihnen RIM etwas ausführlicher vor. Kommen Sie also bitte wieder hier vorbei. Vorausgesetzt, sie haben nicht weiter oben schon weggeklickt zur Computerbild. Und sie haben auch etwas mit Computern zu tun ;-)

Mittwoch, 2. Juli 2008

IT-Offshoring Veranstaltung: Rückblick. Und: Ein neuer Report aus den USA . Der US-Wahlkampf und Global Sourcing.

Rückblick: Die Veranstaltung "IT-Outsourcing und Offshoring in der Praxis" am vergangenen Mittwoch im Hause Kleiner Rechtsanwälte in Stuttgart war bestens besucht – vielen Dank an alle Teilnehmer für die interessanten Beiträge, die lebhafte Diskussion und den Blick hinter die Kulissen der globalen IT-Wertschöpfung. Besonderer Dank gilt dem Hausherrn Rechtsanwalt Schneider-Brodtmann, der in dem außerordentlich angenehmen Rahmen der Stuttgarter Villa Augusta eine erstklassige Veranstaltung präsentierte. Man darf auf die nächsten Events gespannt sein!

Die US-amerikanische Brown-Wilson-Group, seit 2005 mit dem "Schwarzbuch Outsourcing" im Markt präsent, hat ihren jährlich aktualisierten Forschungsbericht veröffentlicht: Die Befragung von 24.000 Managern zu ihren Erfahrungen mit ausländischen Anbietern platziert Hewlett-Packard an der Spitze der Rangliste, gefolgt von Perot, CSC, Unisys und EDS. Der Report berichtet unter anderem vom Effekt des "Reverse Outsourcing": Asiatische Unternehmen eröffnen Büros in den USA und stellen Amerikaner ein um Kundennähe zu gewinnen und eine hohe Servicequalität liefern zu können. Wir erleben hier in Deutschland einen ähnlichen Trend: Hiesige IT-Outsourcing-Anbieter vergeben Teile ihrer Aufträge an Global-IT-Anbieter weiter oder eröffnen gleich selbst eine IT-Produktion in Osteuropa oder Asien. So wird Kundennähe mit den Vorteilen einer globalen Wertschöpfung kombiniert. Den Kunden kann es nur Recht sein: Weder Sprache noch Zeitverschiebungen, weder kulturelle Hürden noch rechtliche Probleme berühren sie. Sie bekommen einfach nur ihre Dienstleistung geliefert, und das schnell, günstig - und auf deutschem Qualitätslevel.

Das Thema "Offshore Outsourcing" oder "Global IT Sourcing" darf natürlich auch im Wahlkampf um die US-amerikanischen Präsidentschaft nicht fehlen: McCain und Obama müssen jetzt noch fünf Monate lange Monate ihren Wählern erklären, wie sie mit dem Abfliessen von IT-Aufträgen nach Indien und China umgehen wollen. Das ist ganz dünnes Eis – die Masse der US-Wähler steckt vielleicht nicht ganz so tief in der Materie, um die langfristig positiven Effekte der globalen Arbeitsteilung und das Grosse Ganze zu verstehen. McCain zeigt sich offshore-freundlich, schon nach den Vorwahlen in New Hampshire hatte er seine Begeisterung für die Globalisierung und die "neuen amerikanischen Arbeiter" gezeigt. "Levelling the global playing field", "the next generation of workers" und "a nation committed to competitiveness" sind Standardformulierungen in McCains Reden und den Veröffentlichungen seines Wahlkampfteams. Etwas anders Barack Obama, der sich zunächst versuchte, sich mit allgemeinen Plattitüden durchzumogeln ("We can’t have medicines that are actually making people more sick instead of better because they’re produced overseas."), dann aber doch zugeben musste:"We live in a more competitive world, and [outsourcing to India and China] is a fact that cannot be reversed!".
Ich werde weiter berichten!

Donnerstag, 19. Juni 2008

Der Mix macht's

Der ganze Gag an der internationalen Zusammenarbeit besteht darin, zu erkennen, welche Aufgaben sich für eine Vergabe nach Offshore eignen, welche am besten bei einem lokalen IT-Partner aufgehoben sind und welche tunlichst im eigenen Hause erledigt werden sollten. In diesem Sinne suche ich für den Standort Freiburg einer großen internationalen Werbeagentur einen

Typo3-Entwickler

zur Konzeption, Betreuung und Weiterentwicklung komplexer Internetauftritte. Es handelt sich um eine ziemlich attraktiv bezahlte Festanstellung mit viel Eigenverantwortung und einem wirklich netten Team. Interessiert ? Kurzer Anruf bei mir unter 0761 / 888 6600 für erste Fragen und den direkten Kontakt zur Agentur.

Freitag, 13. Juni 2008

Killerargument Datensicherheit – was bei der Vergabe nach Offshore zu beachten ist

Ein echtes Killerargument gegen die Vergabe von Aufträgen nach Asien oder Osteuropa ist ja der Hinweis auf die Datensicherheit. Jede auch noch so ausgeklügelte Vorgehensweise, die vorsichtigste Kalkulation, der raffinierteste Notfallplan kann durch eine einfach Bemerkung gekippt werden: Wie ist es um die Datensicherheit bestellt ? "Sie wissen ja", sagen die Datenschützer, gucken listig und wollen ja nur unser Bestes, "wer Daten aus der EU... ". Wenn jetzt noch das Wort "personenbezogen" fällt, ist es meist aus mit dem schönen Projekt. Extrarunden über Vorstand und Rechtsabteilung sind zu drehen, der Projektstart wird auf den St. Nimmerleinstag verschoben. Der gebuchte Anbieter geht solange den Wettbewerb bedienen.

Das Thema Datenschutz und Datensicherheit ist hierzulande brisant. Um nur ja nichts falsch zu machen, verfällt mancher Verantwortliche in eine Handlungs- und Entscheidungsstarre und tut lieber gar nichts. Um es nun ganz deutlich zu sagen: Wir haben die strengsten Datenschutzgesetze der Welt, und das ist gut so. Unser Verständnis davon, wem Daten gehören und wer was mit welchen Daten tun darf, unterscheidet sich ganz grundsätzlich von dem unserer amerikanischen Freunde. Grob vereinfacht ausgedrückt gehören Daten hier demjenigen, den die Daten betreffen – dort gehören sie dem, der sie gesammelt hat. Dieses unterschiedliche Verständnis begreifen nach und nach auch die globalen IT-Anbieter, die sich heuer verstärkt dem europäischen Markt zuwenden und feststellen, dass es sich hier nicht um eine zweite Auflage des US-Marktes handelt. Es gelten hier ganz andere marktliche Gegebenheiten, und ein Aspekt davon ist eben der Umgang mit Daten. [Ein Offshoring-Schnelltest: Fragen Sie doch mal ihren Anbieter in Indien, wie er die aktuellen europäischen Datenschutzrichtlinien in der Arbeit mit europäischen Kunden umsetzt . Hat er eine wirklich schlüssige Antwort? Gut. Dann darf er ihr Anbieter bleiben. Sie wollen ja nicht auf einer Zeitbombe sitzen.]

Worauf ist zu achten, wenn anlässlich einer anstehenden Vergabe von IT-Aufträgen nach Offshore der Aspekt der Datensicherheit eines Offshore-Anbieters überprüft werden soll?

1. Bleiben Sie auf dem Boden. Grundsätzlich bestehen dieselben Risiken wie zu Hause auch: Diebstahl durch Mitarbeiter oder Einbrecher, Wirtschaftsspionage, oder Daten, die verschlampt oder verloren werden. Vor dem komplexeren rechtlichen Hintergrund, den jede internationale Komponente mit sich bringt, ist zusätzliche Aufmerksamkeit geboten. Ebenso unter dem Aspekt der höheren Aufmerksamkeit, die jede Offshore-Vergabe mit sich bringt.

2. Andere Länder, andere Sitten. Die Unterteilung der Welt in "Inland" und "Ausland" ist nicht hinreichend. Gartner hat beispielsweise in einer Reihe von Papieren letzten Herbst dargestellt, dass hinsichtlich des Schutzes von Daten und geistigem Eigentum Indien "gut" ist, China "schlecht", Brasilien "ganz okay" und Mexiko "sehr gut". Und: Der Abstand zwischen dem Buchstaben des Gesetzes und seiner Umsetzung und Anwendbarkeit im Tagesgeschäft kann immens sein. Produktfälschungen und Plagiate sind in China übrigens genauso verboten wie hier. Sie verstehen.

3. Sicherheitszertifikate für Unternehmen wie bspw. ISO 27001 sind gut, sie zeigen, bei aller gebotenen Skepsis, doch zumindest einmal, dass ein Lieferant das Thema Datensicherheit an sich erkannt hat. Wer hat das Zertifikat ausgestellt ? Welche weiteren Unternehmen wurden vom selben Aussteller zertifiziert ? Sind die Umsetzungen der Sicherheitsstandards nicht nur in den Standard Operating Procedures, sondern vor allem in den täglichen Routine-Abläufen tatsächlich zu sehen?

4. Falls eine Weitergabe von Daten an Partnerfirmen und Subunternehmen im Rahmen der Auftragserfüllung erlaubt sein soll, sind diese selbstverständlich mit der selben Sorgfalt zu prüfen, wie der eigentliche Lieferant selbst.

5. Auch im technischen Bereich gibt es eine Reihe von Ansatzpunkten: Welche Testdaten werden zum Zweck der Funktions- und Abnahmetests übergeben ? Sind sie wirklich unwiederherstellbar anonymisiert worden ? Oder wurden, noch besser, gänzlich erfundene Daten verwendet ? Werden alle Daten durch eine intelligent ausgestaltete Zugangs-und Zugriffskontrolle geschützt? Besteht ein ordentliches Nutzer-/Gruppen-Management für Berechtigungen und eine tatsächliche, physikalische Trennung der Daten verschiedener Kunden? Werden alle Manipulationen und Zugriffe entfernt, aber zentral protokolliert?

Eine umfassende Aufzählung von Sicherheitsaspekten müsste Fragen der Datenverschlüsselung behandeln, müsste Verantwortlichkeiten und Anreizsysteme, Best-Practices und die Vor- und Nachteile von Security-Audits beleuchten, und vieles mehr. Kern der Sache ist: Der Schutz von Unternehmensdaten erfordert eine hohe Aufmerksamkeit und ein solides Verständnis davon, was zu schützen ist, woher die Bedrohungen kommen und welcher Schutz von Unternehmensdaten daher angemessen ist. Das gilt im eigenen Serverraum ebenso wie auf dem Laptop irgendwo in Indien.

Falls Sie Fragen haben, was eine Firma in Indien, China, Südostasien oder Osteuropa für Sie und Ihre IT tun kann: Klicken Sie hier. (Bestätigen Sie aber bitte um Himmels Willen vor dem Absenden, dass sie die Datenschutzerklärung gelesen haben. Wegen der Zeitbombe. Sie verstehen schon. Vielen Dank.)

Schönes Wochenende!

Freitag, 30. Mai 2008

防火长城: Die Chinesische Mauer 2.0

"Lieber Herr Hahndorf, Ihre Webseite kann ich aufrufen, aber der Link auf ihr Global-Sourcing-Blog funktioniert nicht", stand in der Email aus Beijing. Er funktioniert aber, wie wir sofort hektisch überprüft haben, ganz prima – nur eben nicht aus China. 防火长城 (fanghuo changcheng), die Große Chinesische Mauer im Cyberspace, hat offenbar auch den Sourceconomy-Blog ausgeschlossen. Ich bin versucht, das als Kompliment zu sehen, widerstehe aber gerade noch dem Drang, in die aktuell so moderne allgemeine China-Beschimpfung einzustimmen. Sie wird der Sache nämlich auch nicht gerecht: zu komplex und verfahren sind die Fragen rund um Tibet und Menschenrechte, Oligarchie und Demokratisierung, Drachen und Tiger. Wer es etwas differenzierter haben möchte, wird diesen Literaturhinweis schätzen: "Globale Rivalen: Chinas unheimlicher Aufstieg und die Ohnmacht des Westens" von Eberhard Sandschneider, dem Chef des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.. Ein differenziertes Buch, das die Beziehung des "Westens" zu China nüchtern analysiert, das Verständnis für chinesische Perspektive erheblich fördert und dennoch aus unserer globalen Rivalität keinen Hehl macht. Interessant finde ich vor allem die Beobachtung, dass ein zerstrittener Westen, der sich nicht auf eine einheitliche Linie gegenüber dieser Supermacht einigen kann, ihr auch nicht auf Augenhöhe begegnen kann. Lesenswert.

Zurück zur IT: Schade, das mit der Blockade. Gerade im Reich der Mitte ist noch so viel zu tun: Offshoring und Oustourcing in China ist weniger umfangreich, als man es vermuten würde. Die Allgegenwart Chinas in den Medien suggeriert eine Vormachtstellung auch hier. Aber noch sind es weniger als 10% des weltweiten Marktes, sagt Unternehmensberater McKinsey in einer neuen Studie. Man habe aber den Eindruck, daß sich dies schnell ändern könne, wenn sich die Chinesen dazu entschliessen, den Sektor zu fördern und die Leistungsfähigkeit ihrer Leute zu steigern. Meine These: Die Chinesen haben sich ja in der Vergangenheit nicht gerade als zögerlich oder zurückhaltend erwiesen, wenn es um die Erreichung einmal gesetzter Ziele ging. Da kommt etwas auf uns zu, was wir noch nicht einmal erahnen. Die Auswirkungen auf unsere lokale IT-Industrie, auch hier in Baden-Württemberg und in Freiburg, wird enorm sein.

Veranstaltungsrückschau: Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat gestern wieder einen ihrer inzwischen bekannten CampusTalks unter der Leitung von Martina Dalla Vecchia gegeben. Thema diesmal: Wirtschaftsspionage. Marco Marchesi, CEO der Schweizer Sicherheitsfirma ISPIN AG, hat eindrücklich vor Augen geführt, wie man in der Rolle als netter Kerl (neudeutsch: "per social engineering") Zugang zu sensiblen Daten bekommen kann. Mit einem freundlichen "Hallo ich bin der Marco vom Helpdesk" war es getan, schon sass er vor den eingeloggten Rechnern schweizerischer Versicherungsunternehmen. Im anschließenden World Café wurde intensiv diskutiert, wie man sich vor Wirtschaftsspionage schützen kann und wer ihr eher zum Opfer fällt. Nicht erstaunlich: Je mehr Wir-Gefühl in einem Unternehmen herrscht, desto geringer sind die Chancen von Außenstehenden, schädlichen Einfluß auszuüben. Ein starkes Team, welches gemeinsame Ziele verfolgt, bietet einem Eindringling oder einem Konkurrenten wesentlich geringere Chancen als eine zertrittene Mannschaft , die im inneren Exil lebt und sich gemeinsamen Zielen verschliesst.

Das wissen die Chinesen übrigens auch.

Samstag, 24. Mai 2008

IT-Outsourcing und Offshoring in der Praxis

Zunächst ein Veranstaltungshinweis in quasi eigener Sache: Der u.a. auf IT- und Biotechnologierecht spezialisierte Stuttgarter Rechtsanwalt Dr. Jörg Schneider-Brodtmann (Anwaltskanzlei Kleiner Rechtsanwälte) lädt zum

Erfahrungsaustausch "IT-Outsourcing und Offshoring in der Praxis"
am Mittwoch, 25. Juni 2008 in Stuttgart

ein. Er wird die rechtlichen Aspekte von IT-Outsourcing und Offshoring beleuchten, Thomas Gebhardt von Gebhardt Sourcing Solutions spricht über IT-Outsourcing, ich steuere den internationalen Aspekt bei. Die Veranstaltung richtet sich branchenübergreifend an alle Unternehmen, die entsprechende Maßnahmen implementiert haben, dies vorbereiten oder auch nur darüber nachdenken, sowie an Outsourcing-Anbieter und Beratungsunternehmen. Weitere Informationen zur Veranstaltung unter Tel.: 0711/601 708-29 (Nicole Medelin). Anmeldung bei Kleiner Rechtsanwälte oder bei Till Hahndorf / sourceconomy.

Forrester hat gerade einen Report veröffentlicht, der die weltweiten Ausgaben für IT-Services und IT-Outsourcing auf rund 488 Milliarden Euro schätzt, davon rund 25% für das IT-Outsourcing. Die gesamte Prozesskette von der Angebotseinholung bis zum unterschriebenen Vertrag sollte von Spezialisten begleitet werden – Forrester hebt (neben den Business-Verantwortlichen) auf die Experten für Sicherheit und Datenschutz ab, ich würde gerne noch die kulturellen Mediatoren und die strategische Ebene mit dabei haben. Nur um sicher zu stellen, dass es nicht vor lauter Messen und Regeln zu Insuffizienzen kommt, die nur schwer mess- oder regelbar sind. Und der Stratege kann die globale IT-Auftragsvergabe gleich in seine Vision für das nächste Jahrzehnt einbauen, da wird es ohne nämlich kaum noch gehen, wenn man im Wettbewerb bestehen will.

Die Krise der US-Wirtschaft und die Aufwertung der Rupie gegenüber dem Dollar haben in Indien zunächst die kleinen und mittleren Anbieter getroffen, hat die India Times herausgefunden. Die Auftraggeber, die ihre Vergabe nach Indien im Zuge der bremsenden Wirtschaft konsolidiert haben, haben dies zunächst mit den weniger umfangreichen Aufträgen an die kleinen Anbieter getan. Grund könnte sein, dass in Boomzeiten eine Verteilung der Aufträge auf mehrere Anbieter erfolgt. Dies ist sinnvoll, weil Kunden so für einzelne Projekte mehr Aufmerksamkeit vom jeweiligen Lieferanten geboten bekommen und die Verteilung des Auftragsportfolios auf mehrere Anbieter auch zur Minimierung des Risikos sinnvoll ist. Wenn die Zeiten dann knapper werden, werden diese Aufträge als erste zurückgezogen. Was heißt das für uns in Deutschland und Europa? Da sind freie Kapazitäten, wir können die Rupie billig bezahlen, die EU rückt sowieso in den Vertriebsfokus der Indischen Anbieter: So gut war die Gelegenheit seit vielen Jahren nicht. Wer sich jetzt auf die Suche nach einem Anbieter in Indien macht, hat gute Chancen, zu attraktiven Preisen hohe Qualität zu bekommen. Es ist äußerst angenehm, genau im Kernfokus der Anbieterszene zu liegen – oder anders ausgedrückt: Wer jetzt als deutscher Mittelständler nach Indien geht, um sich dort IT-Services zu kaufen, wird mit offenen Armen empfangen. Fragen sie doch mal hier nach, wie man da am besten vorgeht.

Fundstelle: Die Ameria GmbH, Heidelberger IT-Schmiede mit Technologiezentrum in der Ukraine, hat das Heft selbst in die Hand genommen und mit der örtlichen Universität in Simferopol eine Ausbildungskooperation vereinbart. Die Uni bildet die Programmierer aus, Ameria steuert die internationalen Projektmanagementfähigkeiten bei. Dafür dürfen sie dann vermutlich als erste im Pool fischen. Ziemlich schlau – die reiferen Offshoremärkte in Indien oder auf den Philippinen werden heute schon fast ausschließlich von der Knappheit an fähigen Mitarbeitern gebremst. Wer da schon früh gegensteuert, hat in ein paar Jahren Recruiting-Oberwasser. Und dass die Ukraine in naher Zukunft einer der IT-Märkte Europas sein wird, steht außer Frage.

Samstag, 17. Mai 2008

Die Gewinner der Globalisierung

Wegen 10 fehlender Rupien (etwa 15 cent) für Busfahrkarten haben ein indischer Arbeiter und seine vierjährige Tochter am Mittwoch im indischen Orissa den Tod gefunden, das meldete gestern die FAZ. Es habe eine Auseinandersetzung mit dem Schaffner gegeben, die beiden seien in der Folge aus dem Bus gestossen und überfahren worden. Daraufhin hätten aufgebrachte Passagiere den Bus in Brand gesetzt.

Das ist eine scheußliche Meldung und eine tragische Geschichte. Solche Meldungen führen mir stets aufs Neue vor Augen, wie weit entfernt manche Länder, aus denen wir Dienstleistungen beziehen, tatsächlich liegen. In diesem Falle ist es die Entfernung auf der Wohlstandsskala, die in den Vordergrund tritt. Laut NASSCOM arbeiten rund 2 Mio. Inder auf dem Subkontinent in einer technologienahen Branche und gehören zur Schicht der Gesellschaft, die als "upwardly mobile" bezeichnet wird, also als aufsteigend und in der Lage, sich am oberen Ende der Wohlstandsskala zu orientieren. Das sind weniger als 0,2% der indischen Bevölkerung (2 Mio gegenüber 1,15 Mrd)! Wir dürfen nicht vergessen, daß unsere Gesprächspartner in Softwareprojekten und Callcentern, in Wartungsarrangements und SAP-Implementationen nicht die durchschnittlichen Inder sind, sondern die direkten, primären Gewinner der Globalisierung. Über deren Wirtschaftskraft profitieren nun zunächst deren Familien, nach und nach aber die gesamte indische Gesellschaft vom internationalen Austausch. Sie hat es, und das sollten wir eben nicht vergessen, dringend nötig.

Noch eine Meldung, diese stand unter anderem in der ZEIT: Das indische Billig-Auto TATA NANO enthält eine ganze Menge deutscher Teile. Von Bosch über Freudenberg bis ZF steckt viel deutsche Ingenieurskunst im "indischen Volkswagen". Hergestellt wird alles in den jeweiligen indischen Dependancen. Man habe sich vom reinen Zulieferer zu einem integrativen Bestandteil der Wertschöpfungskette hochgearbeitet, berichten die Manager vor Ort. Nun sei man auch in Design und Gesamtarchitektur komplexer Systeme eingebunden. Das spiegelt exakt die Entwicklung in der globalisierten IT-Landschaft wider: Waren die Partner "offshore" und "nearshore" zunächst reine Ausführungsgehilfen, haben sie sich inzwischen einen festen Platz in Planung und Entwurf von Produkten und Systemen erarbeitet. Der ZEIT-Artikel steht hier. Wer sich darüber informieren möchte, welche Projekte sich für eine Vergabe nach Asien oder Osteuropa eignen, sollte mal hier klicken.