Samstag, 9. Februar 2008

Durch die Augen des Anbieters sehen

Um meine Kunden beim Umgang mit dem Thema Offshore Outsourcing / Global IT Sourcing zu unterstützen, sehe ich mir normalerweise deren Prozesse an, analysiere den aktuellen und langfristigen Bedarf an Unterstützung durch Externe, und so weiter. Am Ende jedenfalls kommt meist eine Empfehlung für ein bestimmtes Projekt und diesen oder jenen Anbieter heraus, manchmal für einen lokalen, oft für einen weit entfernten. Soweit nichts Überraschendes. (Kann ich Ihnen was helfen ? --> Hier.). So, jetzt aber genug Werbung! Zum eigentlichen Thema für heute:

Um diesen Global IT Sourcing-Markt wirklich zu verstehen, lohnt es, sich einmal für einen Moment in die Schuhe des Anbieters zu stellen. Gar nicht so einfach, denn „in Indien“ (einmal als pauschalen Begriff für die Anbieterseite verwendet) herrscht nunmal ein anderes Herangehen an Strategie und Taktik von Businessentscheidungen – das macht diese ganze Global IT Sourcing Geschichte ja so spannend.

Ich bin davon überzeugt, daß es fünf wichtige Erfolgsfaktoren für Anbieter gibt. Anbieter werden in den nächsten Jahren erfolgreich sein, wenn sie…

  • einen vertikalen Fokus haben, also in der Lage sind, für bestimmte Branchen und Industrien Lösungen mit hoher Wertschöpfung zu bauen. Wer bspw. Prozesse der Arzneimittelzulassung oder komplexe Produktionssteuerungen abbilden kann, trifft auf intensive Nachfrage und wenig Wettbewerb.


  • in der Lage sind, in die Tiefe zu gehen und integrierte Lösungen anzubieten. Die Zeit der Gesamtanbieter kommt (wieder!), die in der Lage sind, ihren Kunden ganze Aufgabenbereiche auf einmal abzunehmen und schlüsselfertig zu liefern.


  • belastbare, robuste, widerstandsfähige Strukturen aufweisen können. Probleme mit Ausfallsicherheit, Kapazitätsplanung, Betriebsfrieden, politischer Umgebung, Naturkatastrophen, Mitarbeiterabwanderung etc. müssen nachhaltig gelöst sein. Dann können Kunden nämlich ruhiger schlafen.


  • Datensicherheit ernst nehmen und erkennen, daß hier in der EU ein grundsätzlich anderes Verständnis von Datenschutz herrscht als in den USA. Ein Anbieter, der schlüssiges Gesamtkonzept für die Datensicherheitsbelange seiner europäischen Kunden vorlegen kann, hat einen immensen Vorteil vor den Wettbewerbern, die das Thema immer noch verschlafen (erstaunlich viele Anbieter reagieren immer noch mit gelangweilten Standard-US-Antworten auf die entsprechenden Fragen und nehmen das Thema nicht ernst!)


  • sich von der Vorstellung frei machen, ihr Wachstum alleine und organisch realisieren zu müssen. „It’s a seat game“, versicherte mir der Betreiber eines mittelgroßen indischen Anbieters gerade erneut und meinte damit, daß nur das schnelle Erreichen einer hinreichend großen Anzahl von Mitarbeitern (deren Arbeitsplätze, die „seats“, sind zu füllen) das Überleben ermöglicht. In einem Markt, der von Wachstumsraten jenseits der 40% p.a. gekennzeichnet is, gilt: Wer seinen Umsatz Jahr für Jahr „nur“ um ein Drittel (!!!) steigert, ist ein Verlierer und bekommt keine qualifizierten Mitarbeiter mehr. Also: Zukaufen. Venture Capital aufnehmen. The trend is your friend. Dem Tapferen hilft das Glück!

Meine generelle Überzeugung: Global Sourcing wird Mainstream. Die Nachfrageseite wird sich mit durchdachten Konzepten und komplexen Anfragen an die Anbieterseite wenden. Es wird zwar immer einen Markt für „billige Programmierer“ geben, aber deren Anbieter sind dazu verdammt, in den entlegensten Ecken der Welt nach weiteren Kapazitäten zu suchen, während hochwertige Anbieter das spannendere und lukrativere Geschäft mitnehmen.

Samstag, 2. Februar 2008

Relationship Management allenthalben

Während das Thema CRM (Customer Relationship Management) inzwischen allgemein geläufig ist, tun sich bei der Einordnung des SRM (des Supplier Relationship Management) doch viele noch etwas schwerer. Was war die Welt doch noch schön einfach, als man von „Absatz“ und „Einkauf“ sprechen konnte. „Wir benennen die Dinge, um sie zu verstehen“, versicherte mir anlässlich einer solchen Diskussion neulich der Schweizer CRM-Guru Nils Hafner, den ihm angemessenen Platz zwischen Wittgenstein und Krishnamurti beanspruchend. Er hat gut Reden, den sein Schweizer Customer Competencies Institut beleuchtet CRM. Wir auf der SRM-Seite dagegen müssen ein paar Jahre Rückstand aufholen, bis das Konzept „Sourcing Economy“ (Aha! „Sourcing…economy…Sourceconomy!“) wirklich Eingang in die ökonomische Denke gefunden hat. Meine These dazu: Eine wettbewerbliche Differenzierung in der IT findet zunehmend auf der Erstellungsseite statt, nicht auf der Vermarktungsseite. Da ist nämlich eine gewisse „Sättigung“ eingetreten, die attraktiven Optimierungspotenziale liegen in heute der Produktion und Beschaffung. Wir bleiben dran.

Nochmal die Schweiz: Neulich war ich auf einer Veranstaltung, die ein hochaktuelles Technologie-Thema mit fachkundigen Teilnehmern in ansprechendem Format präsentiert hat. Der Referent war für sein Thema wirklich engagiert, die Moderation kompetent und unaufdringlich, der Rahmen locker aber professionell. Weit weg fahren musste ich dafür nicht: In ihrer Reihe „Campus Talk“ hatte die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Basel zum Thema „Software as a Service (SaaS)“ geladen. Andreas von Gunten hat das Thema leidenschaftlich präsentiert und das Ende von herkömmlicher, dezentraler Software ausgerufen. Ich bin selten von einer Fachveranstaltung so umfangreich informiert, kompetent beraten und bestens unterhalten worden. Die Diskussions- und Moderationsmethode „World Café“ unter der Ägide von CampusTalk-Initiatorin Martina Dalla Vecchia taten das Ihre dazu . Die nächsten Veranstaltungen stehen hier, das Thema Offshore Outsourcing wird im Oktober präsentiert. Empfehlenswert!

Samstag, 26. Januar 2008

Der Wellness-Faktor bei der globalen Auftragsvergabe

Einer der schönsten Lacher, den die Tagesschau bisher serviert hat, war ja Jens Riewas legendäre Ankündigung „aus Frankfurt nun die Lottovorhersage für …“. Jaja, schön wär’s. Wenn man nur wüsste, wohin morgen die Sonne scheint. Das denken sich neben uns Lottospielern auch die Verantwortlichen in den asiatischen und osteuropäischen Softwarehochburgen, die permanent entscheiden müssen, ob sie zu horrenden Mieten einen weiteren Quadratfuss an ihrem angestammten Standort dazumieten, oder ob sie sich einen Alternativstandort aussuchen, der preislich weniger schmerzt und Mittel für Wachstum freisetzt. Die sprichwörtliche Luft zum Atmen – nicht nur für’s Budget der Firma, auch für die Mitarbeiter in der Programmierung spielen die sogenannten „Tier-2-Cities“, also die „Standorte der zweiten Klasse“, eine zunehmend wichtige Rolle.

Aktuell machen alternative Standorte von sich reden, die Wellness nicht nur für die GuV, sondern eben auch für den Faktor Arbeit versprechen: Exemplarisch sei das mediterrane Klima der Schwarzmeerküste auf der Krim genannt, wo sich die Ukraine von ihrer schönsten Seite zeigt. Viele der ukrainischen Softwareentwickler, die in Kiew vor einer von nur zwei Brücken über den Dnjepr stundenlang im Stau stehen, überlegen sich gut, ob sie nicht lieber bei einem Anbieter auf der schönen Krim anheuern und in sauberer Luft und Ferienathmosphäre arbeiten. Ähnliches spielt sich mit Alternativstandorten in Indien und China ab: Über das Argument „Lebensqualität“ kriegen auch Unternehmen, die nicht direkt in den Universitätsstädten sitzen, ihren Zugang zu neuen Mitarbeitern. Dies gilt inbesondere für die so begehrten erfahreneren Mitarbeiter, die sich nach 5 oder 6 Jahren IT-Karriere nun mit Gedanken an mehr Balance im Leben und an eine Familie beschäftigen. Wenn sich die niedrigeren Kosten in der „zweiten Lage“ dann auch in den Preisen für die Kunden niederschlagen, lohnt sich bei der Suche nach einem IT-Partner ein Blick auf „Tier-2“-Standorte allemal.

Noch etwas: Technology Partners, Inc. haben in ihrem Quarterly Index gerade festgestellt, daß Europa (genauer: EMEA) im Jahr 2007 der aktivste Outsourcingmarkt der Welt war. „Wir“ haben die USA sowohl in der Anzahl der neuen Vertragsabschlüsse überholt als auch im Volumen der Aufträge: Mit etwas mehr als 32 Mrd. Euro orderten EMEA-Unternehmen etwa das anderthalbfache Volumen des US-Offshoring-Marktes. Im Gesamtmarkt werden 7% Wachstum für 2008 erwartet. TPI präsentiert seine wichtigsten Offshore-Outsourcing-Erkenntnisse aus dem letzten Quartal und dem gesamten Jahr 2007 hier.

Spannende Zeiten !

Samstag, 19. Januar 2008

Was sich fürs Offshoring eignet, Tatas Quartalsergebnisse, Cyrill Etschingers neues Buch

Heute mal eine kleine Rundschau durch die aktuellen Meldungen für die Offshore-und-Global-Sourcing-Interessierten:

Reuters hatte ja bereits 2004 einen Sprung nach Indien getan und einen Teil der internen Prozesse des Nachrichtenkonzerns dort abwickeln lassen, wie die Times of India damals stolz berichtete. Nicht weniger als eine "new outsourcing era in the global media and publishing business" wurde ausgerufen. Natürlich geschah es gegen wilde Proteste der amerikanischen Journalisten-Gewerkschaften, aber aus gutem Grunde: Die Kollegen in Indien haben den selben Job besser, billiger und schneller erledigt.
Administrative Prozesse der Nachrichtenabwicklung und das Generieren von Bildunterschriften scheinen für Offshoring geeignet. ValueNotes schreibt einen guten Artikel zum Thema Editorial Offshoring (Externe Vergabe von Redaktionellen Aufgaben).
Für andere Aufgaben wie bspw. das Generieren von lokalen redaktionellen Inhalten gilt das eben nicht: So hat der Miami Herald in einer viel beachteten Entscheidung gerade verkündet, die Vergabe von inhaltlichen Aufgaben nach Indien nicht weiter zu erwägen. Man hatte sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und festgestellt, daß in bestimmten Bereichen zu viele Hindernisse in der Abwicklung aufgetaucht sind – das Wissen um lokale Bräuche und Nuancen ist eben nicht einfach dokumentier- und nach Indien verschickbar. Anderes schon, und das wird auch gemacht.
Also: Die Aufgabe, die "nach Offshore" geht, muss dafür eben auch geeignet sein. Bei der Auswahl solcher Aufgaben kann man sich ja Hilfe holen, bspw. hier. Also gut, das war Eigenwerbung :-) Stimmt aber trotzdem.

Finanzberichte sind ja selten wirklich unterhaltsam, aber dieser hier –wie immer – einen Blick wert: Tata Consultancy Services (TCS), der größte Technologie-Outsourcer der Welt, hat seine Quartalsergebnisse präsentiert. Da steht etwas von über 4.000.000.000 US-Dollar Umsatz in den ersten 9 Monaten des Fiskaljahres

Und Cyrill Eltschinger, IT-Outsourcing Papst in Peking, stellt sein Buch „Source Code China: The New Global Hub of IT Outsourcing“ in Pekings „Capital Club“ vor. Konträr zum normalerweise in der IT-Szene beobachtbaren Hang (oder ist es ein Zwang?) zur Lässigkeit im Auftreten wird in der Einladung um den Verzicht auf „Jeans Trousers“ und "Sports Shoes“ gebeten ! In Anführungszeichen! Outsource in Style – vielleicht erleben wir die Geburtsstunde einer ganz neuen Idee…

Schönes Wochenende!

Samstag, 12. Januar 2008

Die Zeit des Offshore-Outsourcing ist vorbei (Genau. Und es gibt einen Weltmarkt für höchsten 5 Computer.)

Eine Bekannte berichtete mir gerade, daß sie eine Veranstaltung zum Thema Offshore-Outsourcing nur mäßig besucht vorfand. Ähnlich äußerte sich letzte Woche die Verantwortliche für einen IT-Kongreß letzten Herbst: Es sei ein befriedigendes, aber nicht gerade ein berauschendes Ergebnis gegeben.

Wie bitte ?

Glauben IT-Verantwortliche tatsächlich, daß wir uns nicht mehr um Kosteneinsparungen, internationalen Wettbewerb, globale Kooperationen zu kümmern zu brauchen ? Nur weil es gerade mal für einen Moment ganz gut läuft mit der Konjunktur? Das ist ein – nennen wir es mal vorsichtig „waghalsiger“ – Ansatz.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat in seinem Projekt INTERDIG gerade sehr deutlich festgestellt, daß Deutsche IT-Dienstleister ihre Mitarbeiter auf Internationalisierung vorbereiten müssen, wie Projektpartner Berlecon Research mitteilt. S&P haben vorletzte Woche für 2008 vorausgesagt, daß bei den IT-Dienstleistungen weiterhin einen starker Trend zum Offshore-Outsourcing besteht.

Ein gewisser Natarajan Chandrasekaran hat der Financial Times Deutschland gerade die drei Prioritäten seines Hauses in Europa erklärt. Sie lauten, haha: „Deutschland, Deutschland, Deutschland". Herr Chandrasekaran ist übrigens ist Vizevorstandschef des indischen Offshore-Outsourcing-Giganten Tata Consultancy Services. Das sind die mit den viereinhalb Milliarden Dollar Jahresumsatz, die seit 2005 um 40.000 Mitarbeiter gewachsen sind. (Bitte auf der Zunge zergehen lassen: Seit 2005. Um 40.000 Mitarbeiter. Das heisst: Etwa verdoppelt.)

Hat jemand gesagt, die Zeit des Offshore-Outsourcing sei vorbei?

PS: Den Report „INTERDIG“ gibt es übrigens zum kostenlosen Download --> hier. Lesenswert, mindestens die Zusammenfassung der Ergebnisse in Kapitel 4 und die eine oder andere Fallstudie in Kapitel 3.

PPS: Am 16.01.2008 wird Tata Consultancy Services seine neuesten Quartalsergebnisse verkünden. Letztesmal berichtete er von 40 (vierzig) Prozent Umsatzwachstum. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Herr Chandrasekaran am 16. etwas von Zeiten, die vorbei sind, erzählen wird…

Sonntag, 9. Dezember 2007

War for talent / War on talent

„The war for talent“ nennt McKinsey das, was wir im Stil von Old Europe vielleicht als „Das Bemühen um leistungsfähige Mitarbeiter“ bezeichnen sollten. Wir erleben auch einen „war on talent“, also ein „Vergraulen von Mitarbeitern“. Gerade haben die VDI-Nachrichten wieder berichtet, wie in Deutschland die Hochschulprofessoren mit der längsten Erfahrung in den Zwangsruhestand versetzt werden. Der Arbeitsmarkt ist so überreguliert, daß ein projektbezogenes Engagement von fähigen Mitarbeitern (wenn man sie überhaupt findet!) nur mit großen bürokratischen Klimmzügen möglich ist. Die Greencard von 2000 war ein peinliches Schauspiel der Arroganz: Warum sollte ein fähiger chinesischer Programmierer oder indischer Softwareentwickler seine Karriere bei Tata Consulting oder Infosys abbrechen und mit seiner ganzen Familie hierher kommen, um sich dann nach Ablauf der 5-Jahres-Frist (die Familie ist dann gerade auch sozial und kulturell wirklich hier angekommen) wieder hinauswerfen zu lassen? Es ist mir ein großes Rätsel, wie sich Herr Frattini von der EU das mit der BlueCard vorstellt. Wieder nichts auf Dauer, hohe Hürden beim Umzug innerhalb der EU, und so weiter. Die USA und Kanada wird’s freuen, denn nicht nur die Unternehmen kämpfen um Mitarbeiter, auch wir als Volkswirtschaft stehen im globalen Wettbewerb. Es wird noch eine Weile dauern, bis Europa zu einem attraktiven Migrations-Ziel für hoch qualifizierte Entwickler wird.

Montag, 17. September 2007

Orangene Software

Die orangene Revolution hatte die Ukraine bereits vor einigen Jahren an die Spitze der globalen Berichterstattung katapultiert. Heute ist die Ukraine auch aus ganz anderen Gründen im Gespräch: Hier präsentiert sich eine hoch attraktive IT-Destination in Osteuropa, nur zwei Flugstunden von Frankfurt entfernt und den mitteleuropäischen Uhren um nur eine einzige Stunde voraus. Dutzende von Städtepartnerschaften und kulturellen Austauschprogrammen verbinden Westeuropa, insbesondere die deutschsprachigen Länder, mit den wirtschaftlichen und geistigen Zentren der Ukraine. Es erstaunt nicht, daß die norwegische EDB-Gruppe Anfang Oktober bekanntgab, zwei große ukrainische Softwarehäuser mit zusammen mehr als 600 Mitarbeitern übernommen zu haben – das skandinavische Unternehmen bildet damit die Speerspitze einer Outsourcing-Orientierung hin zur Ukraine.

Eine große Osteuropa-Beratung hat der Ukraine erst Mitte 2007 bescheinigt, „zweifellos das attraktivste Outsourcing-Zielland in Osteuropa“ zu sein. Dafür sprechen unter anderem die niedrigsten IT-Lohnkosten Europas, die mit 50% p.a. am schnellsten wachsende IT-Industrie und ein visafreier Reiseverkehr zwischen der EU und der Ukraine – wer schon einmal mit den asiatischen IT-Regionen zusammengearbeitet hat, weiß dies besonders zu schätzen. Über diese Erfolgsmeldungen hinaus sind jedoch durchaus auch einige kritische Blicke angebracht: So ist der bürokratische Hürdenlauf in der Ukraine noch immer von postsowjetischem Charme, die Schattenwirtschaft im Lande stark ausgeprägt (was es unter anderem schwierig macht, verlässliche Zahlen zur Entwicklung der IT-Industrie zu bekommen) und der Nachschub an gut ausgebildeten Entwicklern aus den Universitäten auf Jahre hinaus ein Engpassfaktor. Zumindest in diesem Bereich herrschen also (noch) keine indischen Verhältnisse. Dennoch ist man in Kiew guter Dinge: Hier liegt das Epizentrum der ukrainischen IT-Szene, hier arbeiten mehr als die Hälfte der Softwareentwickler des Landes. Die anderen wichtigen Universitäten liegen in Charkow und Lemberg, gemeinsam decken diese drei Städte mehr als vier Fünftel des Marktes ab, andere Standorte beherbergen selten mehr als eine Handvoll ernsthafter Mitbewerber.

„Twenty years ago India had no India with which to compete, as Ukraine does today. But the Ukrainians are coming and striving to attain their rightful place in the IT world“, schreibt die die amerikanische Handelskammer über den ukrainischen IT-Sektor. Diese Orientierung am großen Leitbild Indien verdeutlicht, wie weit entwickelt die Offshore-Vergabe von Softwareaufträgen bereits gediehen ist: Die Second-Movers betreten die internationale IT-Bühne und drehen dort -bereits erfundene- Räder. Das Businessmodell „Global Sourcing“ an sich ist allgemein akzeptiert, in den „klassischen“ IT-Destinationen ziehen die Löhne kräftig an - nun werden Alternativen gesucht. Die Ukraine kombiniert das bisherige asiatische Lohnniveau mit geografischer und kultureller Nähe zu Europa: Diese Entwicklung findet in den Universitäten, in den Unternehmen und auf den Märkten statt, und ihr Einfluß auf die Annäherung an Westeuropa ist vielleicht größer als der der orangenen Politik.